Lesung im Barocksaal des Schlosses Decin in Tschechien am 20.10.2018

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Die Frau, die nur Gegenwart hatte

 

Soledad arbeitete als Mädchen für alles in einem Verlag der Stadt D. Es waren zwar einfache Aufgaben, langweilig war es ihr aber selten. Sie hatte immer etwas zu tun.

“Soledad, tipp bitte diesen Text schnell ab.” “Soledad, gehe ans Telefon.” “Koch bitte Kaffee.” “Soledad, bringe diese Briefe schnell zur Post.” “Such bitte das Manuskript sowieso im Regal sowieso und bring es zum Lektor.” So verging Tag um Tag.

 

Sie selbst wusste nicht, wie sie dahin geraten war. Sie konnte sich nicht daran erinnern. Diese Art Filmriss betraf aber nicht nur ihre Arbeit, sondern ihr ganzes vergangenes Leben. Es war wie aus ihrem Gedächtnis ausradiert. Sie lebte nur in der Gegenwart. Doch selbst diese Gegenwart war seltsam, ja sogar beängstigend. Es geschah nämlich, dass sie sich plötzlich in einer Situation fand, von der sie sich selbst sicher war, genau dieselbe vor kurzem erlebt zu haben. Die Geschehnisse wiederholten sich und auch die Handlungen und Worte der Kollegen und sonstiger Leute, die sie umgaben. Die Ereignisse ihres Lebens schienen sich zyklisch zu wiederholen, wie eine Videodatei, die zu Ende geht und automatisch wieder startet.

 

Mit keinem ihrer Kollegen verband sie das, was man Freundschaft nennen könnte. Sie nahm an, dass es mit der Seltsamkeit ihres Wesens zu tun hatte. Sie hatte sich eine eigene Geschichte erfunden, die sie den Leuten erzählte, die ihr Fragen zu ihrem Leben stellten. Manchmal verfing sie sich jedoch im Netz ihrer eigenen Erfindungen, brachte einiges durcheinander und die Leute sahen sie verwundert an. In der Einsamkeit ihrer Abende dachte sie, dass es bestimmt der Grund war, dass sich einige ihr gegenüber so distanziert verhielten. In solchen Augenblicken zuckte Soledad die Achseln und sagte sich: „Ihre Sache. Damit kann ich leben.“

 

Sie ging oft allein aus, frequentierte Lokale, in denen man auch tanzen konnte. Sie hatte einfach das Bedürfnis, unter Leute zu kommen. Aus Lust oder Einsamkeit gab sie sich flüchtigen Liebschaften hin. In einem dieser Lokale lernte sie eines Abends Gabriel G. kennen. Er fand sie schön, fühlte sich aber vom ersten Augenblick an zu ihr hingezogen vor allem aus der Gewissheit heraus, dass er sie irgendwoher kannte. Sie tranken Cuba Libre, teilten sich Gabriels letzte Zigarette und gegen Mitternacht landeten sie zusammen in Soledads Bett.

“Du warst gut”, sagte sie mit rauer Stimme und noch ein wenig außer Atem.

“Du warst besser”, sagte er. Sie lachte und schmiegte sich an ihn.

“Soledad, wie heißt du denn weiter?”

“Ich weiß es nicht”, antwortete sie. „Es gibt vieles, was ich über mich nicht weiß.“

“Oder was du mir nicht verraten möchtest” erwiderte Gabriel G. Sie schwiegen eine Weile.

“Was machst du, wenn du nicht gerade allein ausgehst?” fragte er sie dann.

“Arbeiten, über mich und die Leere meiner Vergangenheit grübeln oder mich in meinen vier Wänden langweilen.”

“Oh, Gott! Du bist meine Soledad!“ sagte er ein wenig verwirrt, knipste die Leselampe an und betrachtete ihr schönes Gesicht sorgfältig, fasziniert.

“Du bist Mädchen für alles in einem Verlag, lebst nur in der Gegenwart und bist immer einsam.“

“Woher weißt du das? Wer bist du?” fragte sie ihn ein wenig erschrocken.

“Das weißt du doch. Ich bin Gabriel G. und du bist meine Soledad – Soledad ohne Familiennamen, ohne Vergangenheit, ohne Geschichte, aber ich weiß nicht, wie es mit dir weitergehen soll.“

“Was redest du für einen Unsinn!” schrie sie. “Wer bist du? Verschwinde! Raus aus meinem Bett und meinem Leben!”

“Das habe ich ohnehin vor”, entgegnete er. “Ich verstehe dich und mich und die ganze Welt nicht mehr. Leb wohl, meine Soledad.“ Früh am Morgen machte sich Gabriel G. auf den Weg zu dem Verlag, der das Manuskript seines ersten Romans zur Veröffentlichung angenommen hatte. Er ließ sich seinen Text unter dem Vorwand zurückgeben, das Ende ändern zu wollen. Als Gabriel G. wieder zu Hause war, verbrannte er das Manuskript und löschte es von der Festplatte seines Laptops. Dann zündete er sich eine Zigarette an und dachte an die Geschehnisse der letzten Nacht und an Soledad. Er kam nicht umhin, darüber nachzudenken, dass auch er nicht wusste, warum er nur Gabriel G. hieß und was er gemacht hatte, bevor er Schriftsteller wurde und anfing, den Roman über das Mädchen ohne Vergangenheit zu schreiben. Er fand, wie schon so oft, keine Antwort darauf. Er nickte, lächelte, setzte sich dann wieder an seinen Schreibtisch und fing an, die Geschichte seines eigenen Lebens zu erfinden.

 

Am gleichen Morgen in der Stadt D. schaltete der Schriftsteller Aurelio B. seinen Laptop ein und fing an, zum n-ten Mal seine Erzählung „Die Frau, die nur Gegenwart hatte“ zu überarbeiten. Er hielt inne. Die Idee ist gar nicht so schlecht”, sagte er dann zu sich, “doch Soledad und Gabriel G. sind nicht druckreif, nicht allein lebensfähig.” Er überlegte eine ganze Weile, zögerte, unternahm noch ein paar weitere Korrekturen. Schließlich beschloss er aber, die Geschichte zu löschen und ein neues Projekt anzufangen.

 

Carlos A. Ampié Loría - Dresden, 19.9.2018